Im Browser lesen

Liebe Leserin, lieber Leser

Für einen Lesetipp zum Muttertag geht es hier entlang, eine Einführung zu der Geschichte von Ariel Levy lesen Sie weiter unten. 

Journalismusfest Innsbruck: Barbara Bachmann (li.) im Gespräch mit Reportagen-Chefredaktor Daniel Puntas.

Freitagabend in Innsbruck: «Wenn ich Tiere für eine Geschichte auswähle, dann mache ich das nach den gleichen Kriterien, nach denen ich Menschen auswähle», sagt die Reporterin Barbara Bachmann im Gespräch mit Reportagen-Chefredaktor Daniel Puntas. Dann berichtet sie in der Wagner'schen Buchhandlung von ihrer Begegnung mit Sandra. Einen durchdringen, geradezu menschlichen Blick habe die Orang-Utan-Dame gehabt, als sie diese in einem Zoo in Argentinien mit richterlicher Erlaubnis besuchen konnte. Dabei entstand der Text Dieses Tier ist eine Sache, eine bewegende Geschichte über die Persönlichkeitsrechte eines Tiers - und eine von drei Reportagen, über die Bachmann am ersten Abend des Journalismusfestes spricht. Dann erzählt sie vom Konflikt zwischen Galgueros, den Züchtern des eleganten und schnellen Jagdhundes, sowie Tierschützern, für den Bachmann 3000 Kilometer durch Spanien fuhr, bis sie genügend Stoff für ihre Geschichte Das Los der Galgos beisammen hatte. Und sie schildert ihre Begegnung mit einem Rehkitz, das sie nach einem Mähunfall verletzt und am Ende dreibeinig bei sich zu Hause in Südtirol aufnahm und gesund pflegte, bis sich das Tier von sich aus auswilderte und wieder seinen Artgenossen anschloss. Wenn sie sich etwas wünschen könnte, dann wäre es weniger Bequemlichkeit der Menschen im Verhältnis zu Tieren, sagt Barbara Bachmann zum Abschluss eines lehrreichen Publikumsgesprächs.

Am Samstag berichten Journalisten aus der Ukraine, aus Russland und Weissrussland bei einem Panel über die widrigen Bedingungen, unter denen sie derzeit arbeiten. Das Internet in der Ukraine sei oftmals so schwach, dass Ukrainer auf sich langsam aufbauenden Webseiten derzeit oft nur Überschriften lesen könnten, sagt der Journalist Roman Stepanovych vom Online-Portal Zaborona. Das habe auch die Berichterstattung verändert. Mittlerweile sei jeder Mensch in der Ukraine, der Informationen teile oder Kriegsgeschehen dokumentiere, praktisch zur Journalistin oder zum Journalisten geworden, so Stepanovych.

Eine weitere Veranstaltung erinnert an Julian Assange, dessen bevorstehende Auslieferung von Grossbritannien an die USA einen Angriff auf die Pressefreiheit darstelle, urteilt Holger Stark von der ZEIT, der aber auch betont, wie herausfordernd und widersprüchlich der WikiLeaks-Gründer als Mensch sei. Im Kulturzentrum Treibhaus findet die Autorin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga eindrückliche Worte für die «doppelte Unterdrückung» schwarzer Frauen aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht. Und sie berichtet von ihrem Kampf gegen Korruption in ihrer Heimat Simbabwe. Vor der Anreise wurde sie vom Obersten Gerichtshof des Landes vom Vorwurf der Anstiftung von Gewalt freigesprochen. Beobachter sprachen von einem politisch motivierten Verfahren gegen die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels des Jahres 2021.

Reportagen am Journalismusfest Innsbruck.

Während das Journalismusfest heute mit einem weiteren Reportagen-Publikumsgespräch von Daniel Puntas mit dem spanischen True-Story-Award-Gewinner Jacobo García ausklingen wird, überreichen zur Stunde wohl auf der halben Welt Kinder Basteleien, Blumen und andere kleine Geschenke an ihre Mütter. Der Muttertag hat seinen Ursprung in der frühen amerikanischen Frauenbewegung, später wurde er auf unrühmliche Weise Teil der Propaganda der Nazis und zunehmend kommerzialisiert. All das ist vielfach beschrieben worden.

Eine aussergewöhnliche und am Ende dramatische Geschichte über Mutterschaft stammt dagegen von Ariel Levy. In Mutter für 20 Minuten, erschienen in unserer Ausgabe #37, erzählt die US-Autorin direkt aus ihrem Leben: von ihren ambivalenten Gefühlen zum Thema Kinderkriegen, von ihrer lesbischen Partnerschaft, von Momenten des Glücks, als sie mit 38 Jahren schwanger wird, und schliesslich von einer letzten Reise in die Mongolei, bevor ihr Baby kommen soll. Sie ist im fünften Monat. In der Mongolei will Levy recherchieren, wie sich das Land durch einen rabiaten Abbau seiner Kohle-, Gold- und Kupfervorkommen verändert, und welchen Einfluss diese Veränderungen auf die nomadisch lebenden Teile der Bevölkerung hat. Während eines Tages voller Interviews bekommt die Reporterin jedoch Schmerzen, auf dem Badezimmerfussboden ihres Hotelzimmers überschlagen sich die Ereignisse.

Wie Ariel Levy die Geschehnisse aus der Bahn werfen und ihrem Leben eine neue Richtung geben, deutet sich am Ende der Geschichte bereits an. Sie wird davon später auch in ihrem Buch «Gegen alle Regeln» erzählen. Es gerät zur schonungslosen Selbstabrechnung einer emanzipierten Frau, die das Gefühl nicht mehr loswird, bei einer grossen Lebensentscheidung zu lange gewartet zu haben.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre 

Reportagen-Redakteur
Christoph Dorner

JETZT LESEN

Jetzt mit Kennenlern-Abo bei Reportagen einsteigen!

3 Print-Ausgaben ab der aktuellen Nummer für nur 45 EUR.

DABEI SEIN

Es findet wieder statt! Das True Story Festival – ehemals Reportagen Festival Bern – eröffnet einen einzigartigen Zugang zum Weltgeschehen: Internationale Reporter:innen geben von 22. bis 24. Juni 2023 Einblicke in ihre Recherchen aus den unterschiedlichsten Weltgegenden.

Den Auftakt am 22. Juni bildet die «Lange Nacht der Reportagen – Live on Stage»: Das Schauspiel-Ensemble von Bühnen Bern präsentiert in szenischen Lesungen Geschichten aus unserem Magazin auf der grossen Bühne des Stadttheaters.

Am 23. Juni wird im Casino Bern der True Story Award 2023 verliehen. Und am Samstag, 24. Juni, sprechen und diskutieren die angereisten Reporter:innen live über ihre Arbeit und das Leben in ihren Herkunftsländern. Diese Veranstaltungen finden tagsüber statt.

Besuchen Sie uns im Juni in Bern – Eintrittskarten für die einzelnen Veranstaltungen sind ab sofort erhältlich.
 


Das unabhängige Magazin für erzählte Gegenwart

Zu einem Reportagen-Abo gelangen Sie am schnellsten hier: shop.reportagen.com

© Reportagen, 2023.


Sie möchten Ihre E-Mail-Einstellungen ändern?
Einstellungen ändern oder sofort von allen E-Mails abmelden.