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Nein, Impfen ist
keine moralische Pflicht

Ich bin gespannt, mit welchen Waffen der Bürgerkrieg zwischen Geimpften und Nichtgeimpften ausgetragen werden wird, den die österreichische Bundesregierung offensichtlich während der Sommer- und Herbstmonate vorbereitet hat, statt sich darum zu kümmern, dass die Datenqualität im österreichischen Gesundheitswesen von Drittwelt- auf Schwellenland-Niveau angehoben wird. Pandemiemanagement funktioniert mit Daten deutlich besser als ohne, und also funktioniert es in Österreich gar nicht. Wer keine Daten hat, muss an Erzählungen glauben. Erzählungen haben den entscheidenden Vorteil, dass sie relativ leicht an die politischen Notwendigkeiten des Tages angepasst werden können. Daten hingegen sind das, was bleibt, wenn die Pressekonferenz vorbei ist. Weil wir in Österreich keine Daten haben, bleibt nichts, wenn die Pressekonferenz vorbei ist, außer eben Erzählungen naturgemäß, und die variieren sehr, je nachdem, wer gerade die Landeshauptleute vertritt. In Österreich kommt zum Daten- noch ein Journalistenproblem. Viele Vertreter dieser Berufsgruppe, vor allem die in den geschützten Werkstätten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber auch solche, deren Arbeitsplätze durch andere Zuwendungen der öffentlichen Hand erhalten werden, verbringen ihre Arbeitstage damit, sich neben der Berichterstattung, zu der sie leider auch gezwungen sind, ihrer eigentlichen Leidenschaft zu widmen, nämlich der Erziehung der Nation und der öffentlichen Demütigung der Dummen und Unmoralischen, die man sogar als Radioredakteur sehr leicht daran erkennen kann, dass sie eine andere Sicht der Dinge haben, als man selbst.
Dieser Tage werden, weil man einfach nicht mehr weiterweiß, zwei neue Parallelerzählungen herumgereicht. Die eine kommt vom Tiroler Landeshauptmann , von dessen Qualitäten in der Pandemiebekämpfung man sich bereits vor bald zwei Jahren überzeugen konnte. Sie besagt, dass das Impfen eine „moralische Pflicht“ sei. Die andere handelt davon, dass man die Menschen zum Guten nur zwingen müsse, dann würden sie es auch wollen, also Impfpflicht durch die Hintertür, und schon läuft es wieder mit der Impfrate. Da muss jemand heimlich Aristoteles gelesen und verinnerlicht haben, dass man sich nur in der Tugend verhärten muss, damit es irgendwann auch richtig Spaß macht. Beides ist falsch, und das wundert einen möglicherweise bei Günther Platter weniger als bei Aristoteles. Nein, Impfen ist keine moralische Pflicht, sondern eine individuelle medizinische Entscheidung, zu der ich persönlich sehr raten würde, deren Durchsetzung durch Verordnungszwang und öffentliche Verächtlichmachung der Unwilligen ich aber abscheulich finde. Vor allem, wenn sie im Verein von Politikern und Journalisten duchgedonnert wird, die seit eineinhalb Jahren ihre Rollen nicht auseinanderhalten können, aber Hand in Hand von Irrtum zu Irrtum stolpern. Der Quatsch von der moralischen Pflicht beruht auf einem solchen Irrtum, nämlich jenem, dass die Impfung nicht nur dem Selbst-, aber auch dem Fremdschutz diene. Die Impfung war, ist und bleibt eine sehr gute Möglichkeit, schwere und schwerste Krankheitsverläufe zu verhindern, und wer das will, sollte das tun, wer es nicht will, riskiert, dass er auf der Intensivstation landet, und das sollte er auch dürfen.
Hier nun kommen die Moralschlauberger mit ihrem nächsten Scheinargument um die Ecke: Es sei nun aber doch schrecklich, wenn Ungeimpfte die Intensivbetten belegen, die Krebspatienten, Unfallopfer und andere Schwerstkranke zur postoperativen Betreuung benötigen würden, nur weil sich diese Deppen nicht impfen lassen. Da ist auf den ersten Blick etwas dran, zumindest, wenn die Intensivstationen sich mit Impfverweigerern füllen. Allerdings legen viele Gespräche mit Krankenhausärzten aller Fachrichtungen nahe, dass es sich bei den 90 Prozent Ungeimpften, die derzeit als COVID-Patienten auf den Intensivstationen liegen, nicht um Impfverweigerer handelt, sondern um Menschen, die erstens nicht wussten, dass sie zu einer Risikogruppe gehören und zweitens mit einem Impfangebot nicht erreicht wurden. Die Politik hätte also ab dem Zeitpunkt, als genügend Impfstoff vorhanden war, um jeder Bürgerin und jedem Bürger ein Impfangebot machen zu können, die Möglichkeit gehabt, die zu erreichen, für die die Impfung wichtig ist (an der Risikostratifizierung hat sich, wie die weltweiten Daten zeigen, nichts geändert), um sich selbst zu schützen und damit – das kann man dann durchaus solidarisch framen – zu verhindern, dass andere Patienten das benötigte Intensivbett nicht bekommen. Wenn es schon um moralische Pflichten geht, dann wäre das eine moralische Pflicht gewesen, denn der Staat ist nicht dazu da, mit Zwangsmaßnahmen seine eigenen Versäumnisse zu korrigieren, sondern dazu, für alle Bürger ein Maximum an Entscheidungsfreiheit zu gewährleisten. Dieselben Journalisten, die jeden politischen Bocksprung in dieser Pandemie willfährig mitgemacht haben, gehen jetzt auch auf die Ungeimpften los, als wären es Schwerverbrecher, statt sich kritisch mit der Rolle von Politik und Verwaltung beim Schutz der Risikogruppen auseinanderzusetzen. Wenn Medien die Entscheidungsfreiheit kriminalisieren, wenn sie den Zwang feiern und ihre Kritik am Staat sich darauf beschränkt, dass dieser Zwang zu spät und zu mild angewendet wird, kann man sich schon fragen, auf welchen Köpfen da eigentlich die Aluhüte sitzen.
Eine entspannte Woche
wünscht Ihnen


Michael Fleischhacker